Gesunde Böden sichern die Zukunft der Region
03.03.2026
Region Wagram
Großes Interesse an zukunftsweisenden Lösungen für Wasserhaushalt und Boden
Rund 100 engagierte Teilnehmerinnen und Teilnehmer folgten am 24. Februar 2026 der Einladung in den Pfarrkultursaal Absdorf, um über die Zukunft unserer Böden zu beraten. Unter dem Titel „Gesunde Böden – gesunde Zukunft“ stand die zentrale Frage im Raum, wie Landwirtschaft, Gemeinden und Institutionen gemeinsam natürliche und klimaresiliente Lösungsansätze verwirklichen können. Organisiert wurde der Nachmittag vom EU-Horizon-Projekt ARCADIA in Kooperation mit der Region Wagram und der Landwirtschaft.
Breite Allianz setzt auf konkrete Lösungen für Wasser und Klima
Durch das Programm führten Stefan Czamutzian (Region Wagram) und Katharina Deim von der NÖ Agrarbezirksbehörde. Sie betonten die bemerkenswerte Vielfalt der Anwesenden – von landwirtschaftlichen Betrieben über Gemeinden und kirchliche Vertreter bis hin zu Bildungs- und Forschungseinrichtungen sowie engagierten Bürgerinnen und Bürgern. Besonders willkommen geheißen wurde eine Schulklasse der HBLA Wein- und Obstbau Klosterneuburg als Repräsentantin der nächsten Generation.
Region Wagram als Vorreiter
Einleitende Worte sprachen Michael Hofstetter von der Abteilung Umwelt- und Energiewirtschaft des Landes Niederösterreich, Regionsobmann Franz Aigner sowie Bürgermeister Franz Dam. Das Projekt ARCADIA analysiert nicht nur die Auswirkungen sich wandelnder klimatischer Rahmenbedingungen auf unterschiedliche Lebens- und Wirtschaftsräume wie Landwirtschaft und Siedlungsgebiete, sondern setzt konkrete Maßnahmen in sogenannten „Laboratorien“ um. Das Land Niederösterreich ist in diesem EU-Projekt mit mehreren beteiligten Nationen als österreichischer Partner federführend, die Region Wagram nimmt dabei als Pionierregion eine Vorreiterrolle ein. Bereits zu Beginn wurde deutlich: Der Schutz unserer Böden ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die nur sektorübergreifend gelingen kann. Die enge Zusammenarbeit von Region, Verwaltung, Interessensvertretungen und Zivilgesellschaft bildete das tragende Fundament der Veranstaltung.
Klimarisiken und Wasserrückhalt im Fokus
Die fachlichen Beiträge spannten den Bogen von globalen Entwicklungen bis hin zu konkreten regionalen Handlungsmöglichkeiten. Stefan Kienberger und Valentin Schalk von GeoSphere Austria präsentierten Klimarisiken und Zukünfte für Niederösterreich. Zunehmende Wetterextreme werden die Landwirtschaft erheblich fordern: Bei fünf von acht untersuchten Kulturen sind Ertragseinbußen von bis zu 25 Prozent zu erwarten, darunter Mais, Kartoffel und Raps. Kulturen wie Gerste oder Winterweizen könnten hingegen von steigenden Temperaturen profitieren. Simulationen belegen zudem, dass flächendeckende Bewirtschaftungsmaßnahmen sowie Mehrnutzenhecken positive Effekte auf den Wasserhaushalt haben.
Wasserschutz ist Bodenschutz
Im Anschluss stellte Peter Strauß, Leiter des Bundesamtes für Wasserwirtschaft, zentrale Ansatzpunkte für einen verbesserten Wasserrückhalt in der Landschaft vor. Dabei wurde der enge Zusammenhang zwischen gesunder Bodenstruktur, Speicherfähigkeit und Erosionsschutz deutlich. „Wasserschutz ist Bodenschutz“, betonte er eingangs.
Flächenwirksame Maßnahmen wie Direktsaat oder Querdämme im Kartoffelanbau zeigen große Wirkung. Ergänzend tragen linienförmige Strukturen wie Kontouranbau oder sogenannte Keylines – quer zum Hang angelegte Versickerungsgräben – wesentlich dazu bei, Niederschläge in der Fläche zu halten. Bodenverdichtungen seien häufig Ausgangspunkt von Hochwasserereignissen, so Strauß – beginnend bei Fahrspuren am Acker.
Praktische Umsetzung im Betrieb
Wie sich diese Ansätze im landwirtschaftlichen Alltag bewähren, veranschaulichte Lorenz Mayr anhand von Beispielen aus seinem Betrieb im Weinviertel. Vielfältige Fruchtfolgen und Direktsaat fördern ein aktives Bodenleben, begünstigen Humusaufbau und stärken die Biodiversität. Anhand von Vergleichsbildern unterschiedlicher Ackerflächen sowie Versuchen zur Stabilität krümeliger Bodenstrukturen zeigte er eindrucksvoll, wie konsequenter Bodenschutz Erosion und Abschwemmung reduziert.
Lorenz Mayr, Vizepräsident der Landwirtschaftskammer und Obmann des Vereins Boden.Leben, unterstrich, dass stabile Böden maßgeblich zur langfristigen Ertragssicherung beitragen.
Mehrnutzenhecken und Strukturförderungen
Über Unterstützungsangebote für landwirtschaftliche Betriebe und Gemeinden informierten Erwin Szlezak und Katharina Deim von der Agrarbezirksbehörde Niederösterreich. Programme wie Landschaftsfonds, Mehrnutzenhecken, Wildökologischen Maßnahmen und Flurplanungen eröffnen ein breites Spektrum an wirkungsvollen Möglichkeiten.
Gerade die Mehrnutzenhecke etabliert sich zunehmend als prägendes Strukturelement in Agrarräumen. Sie fungiert nicht nur als Windschutz und Lebensraum für Insekten und Vögel, sondern ist seit einer Novelle des Forstgesetzes ausdrücklich von der Waldwerdung ausgenommen. Als Pioniere dieser Entwicklung wurden – neben weiteren wichtigen Akteuren - Franz Binder und Alfred Grand vor den Vorhang geholt, deren Anlagen zugleich als Forschungsstandorte dienen.
Leistungsbilanz eines Baumes
Felix Hagen von Natur im Garten rückte die Bedeutung von Bäumen und Grünräumen für Mikroklima, Wasserrückhalt und Artenvielfalt in den Mittelpunkt. Die Ökosystemleistungen eines einzelnen Baumes reichen von Sauerstoffproduktion und Staubbindung bis zur Abkühlung durch Schattenwurf und Verdunstung. Selbst kleinräumige Maßnahmen können im Siedlungsgebiet eine beachtliche Wirkung entfalten.
Leuchtturmprojekte und gemeinsames Handeln
Den Abschluss bildete eine Podiumsdiskussion mit Vertreterinnen und Vertretern aus Gemeinde, Kirche, Landwirtschaft und Beratung, bei der Leuchtturmprojekte aus Absdorf und der Region vorgestellt wurden. Diskutiert wurden Motivation, Herausforderungen und Erfolgsfaktoren nachhaltiger Bewirtschaftung.
Bürgermeister Franz Dam hob den ökologischen Mehrwert der Mehrnutzenhecken hervor. Das Wiederauftreten von Feldlerchen und anderen Vogelarten sei ein sichtbares Zeichen für die positive Entwicklung und steigere zugleich die Lebensqualität in der Gemeinde.
Leopold Fischer von der Pfarre Absdorf betonte die Verantwortung für die Bewahrung der Schöpfung. Die Erde achtsam und vorausschauend zu bewirtschaften bedeute, die Grundlage für gesunde Lebensmittel, sauberes Wasser und Biodiversität langfristig zu sichern. Das Pilotprojekt mit kirchlicher Beteiligung - in dieser Art einzigartig kann als Pilotprojekt dienen.
Alfred Grand von der GRANDFARM Absdorf verwies darauf, dass viele erfolgreiche Methoden seines Betriebes auf naturbasierten Lösungen beruhen. Entscheidend seien Mut zum Ausprobieren, die Zusammenarbeit mit der Wissenschaft und kontinuierliche Versuche – etwa zur Frage, wie Regenwürmer Humus in tiefere Bodenschichten einbringen können.
Die Herausforderungen im Bezirk Tulln skizzierte der Bezirksbauernkammerobmann und Leiter des Arbeitskreises Landwirtschaft in der Region Wagram: Seit 1990 wurden nahezu elf Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche verbaut, während die Betriebsergebnisse vieler Höfe sinken. Konsequenter Bodenschutz sei daher Voraussetzung, um auch künftig wirtschaftlich bestehen zu können. Unterstützung bieten Beratungsleistungen ebenso wie Informationsveranstaltungen dieser Art. Die Winzerinnen und Winzer am Wagram gelten dabei als Vorreiter nachhaltiger Bewirtschaftung. In diesem Zusammenhang wurde von Stefan Czamutzian auch auf ein innovatives Begrünungsprojekt im Weinbau mit mehrjährigen Mischungen für Erosionsschutz und Humusaufbau hingewiesen.
Lorenz Mayr unterstrich zudem die Bedeutung des Erfahrungsaustausches von Betrieb zu Betrieb. Der Verein Boden.Leben zählt mittlerweile rund 650 Mitglieder und organisiert Feldtage, Bodenwebinare sowie die Fachveranstaltung „Soil Evolution“. Wissensvermittlung sei ein wesentlicher Hebel für Veränderungen; Maßnahmen im Rahmen des ÖPUL im Bereich Boden- und Grundwasserschutz müssten entsprechend honoriert werden.
Christian Steiner von der Agrarbezirksbehörde Niederösterreich betonte die Wichtigkeit solcher Plattformen für den gemeinsamen Dialog. Die Behörde hat bereits rund 3.000 Hektar Bodenschutzanlagen umgesetzt. Angesichts aktueller Kosten von rund 40.000 Euro pro Hektar würde eine Neuanlage heute Investitionen von etwa 120 Millionen Euro erfordern. Blaue, graue und grüne Infrastruktur seien gleichermaßen entscheidend, weshalb Betriebe ausdrücklich ermutigt wurden, bestehende Förderangebote zu nutzen.
Marktplatz der Möglichkeiten und Vernetzung
Abschließend wurde deutlich, dass Kooperation, qualifizierte Beratung und langfristiges Denken zentrale Erfolgsfaktoren sind. Beim „Marktplatz der Möglichkeiten“ nutzten zahlreiche Gäste die Gelegenheit zum persönlichen Austausch mit Initiativen wie Natur im Garten, der Energie- und Umweltagentur Niederösterreich, der Region Wagram, der Agrarbezirksbehörde Niederösterreich, der Geosphere Austria und des Vereins Boden.Leben.
Die Veranstaltung endete mit einem klaren Appell: Jetzt entschlossen handeln, damit gesunde Böden auch kommenden Generationen als unverzichtbare Lebensgrundlage erhalten bleiben.
Bildtitel: Gruppenfoto Referenten und Podium "Gesunde Böden - Gesunde Zukunft"
Foto zur freien Verwendung unter Angabe des Copyrights
Foto Copyright: Region Wagram
Hier geht es zur Fotodokumentation!
Präsentationen zum Download:
GeoSphere Austria | Stefan Kienberger und Valentin Schalk | Klimarisiken-NÖ
Bundesamt für Wasserwirtschaft | Peter Strauß | Die stärksten Hebel für Wasserrückhalt
NÖ Agrarbezirksbehörde | Erwin Slezak und Katharina Deim | Mehrnutzenhecken, Flurplanung & Co